Jetzt platzt die Start-up-Blase… Aha?“

Manager-Magazin

Sehr polemisch…

…und mit Sicherheit kein Signal, dass man jetzt nicht mehr „Start-up“ denken muss, weil ja doch nur alles eine Show war. Natürlich wird bei der Menge an Start-ups, die sich durch den zweifellos vorhandenen Hype, der entstand, weil viele das ganze Thema einfach nicht verstanden haben, eine Menge Unsinn gemacht.

So what?!

Unsinn wird überall gemacht – und ich halte es für reaktionär, wenn sich jetzt „der Mittelstand“ pauschal bestätigt sieht.

Ich sehe es so: wenn der „Start-up-Hype“ am Ende dazu geführt hat (oder führen wird), dass sich alle Beteiligten endlich ernsthaft mit Themen wie „Digital Transfer“, „Customer Centricity“ oder „Design Thinking“ beschäftigen, dann war das eine ganze Menge… vielleicht sogar eine Lebensrettung für den einen oder anderen, der sonst weitergeschlafen hätte.

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Meine halb-digitale Tochter

Meine Tochter Frida ist 5 Jahre alt – und ich bin absolut überzeugt, dass Sie das wunderbarste und tollste kleine Mädchen auf der ganzen Welt ist (so wie es jeder Vater sein sollte).

Abgesehen davon lerne ich von ihr viel über das, was unter dem Begriff „Digitalisierung“ zur Zeit für jede Menge Verwirrung sorgt. Für Frida ist es das Normalste der Welt, sich ihre Hörbücher und Lieblingslieder bei Audible oder Spotify herunterzuladen oder sie dort zu streamen. Sie kann zwar noch nicht wirklich lesen, aber mit Hilfe von Icons und Intuition schafft sie das nahezu selbständig (und wenn es einmal nicht klappt, benutzt sie eben ihren älteren Bruder oder ihre Eltern als Fernbedienung). Sie ist digital gebildet („literate“) – quasi von Geburt an. Für sie ist es nicht Besonderes, dass das alles selbstverständlich funktioniert. Das Gegenteil ist der Fall: wenn ein Hörbuch oder Lied nicht zur digital verfügbar ist, ist sie verärgert und enttäuscht. Aus USP („Unique Selling Proposition“) wird UFP („Ultimate Frustration Proposition“).

In dieser Hinsicht ist und denkt sie komplett „digitalisiert“ – und technische Verbesserungen eines Services begeistern sie in der Regel nicht. Sie erwartet sie regelrecht.

Wenn es allerdings um ihre Lieblingsbeschäftigung geht, lebt sie in einer völlig anderen Welt. Beim Malen und Zeichnen besteht sie darauf, ihre Buntstifte und weißes Papier zu benutzen, um ihre Prinzessinnen, Blumen oder Schatzkarten zu malen. Wenn sie wollte, könnte sie dafür auch unser Familien-iPad benutzen, auf dem eine Menge Malprogramme für Kinder sind. Aber darüber denkt sie inzwischen nicht einmal nach. Nachdem sie es ein paarmal ausprobiert hatte, legte sie das iPad zur Seite und nahm wieder ihre Stifte und ihr Papier. Für sie lag es auf der Hand: „Wenn ich was auf Papier male, ist es doch viel einfacher, das Bild danach Mama, Dir oder Henri (dem älteren Bruder) zu schenken. Und außerdem mag ich den Duft der Bunt- und Filzstifte beim Malen“.

In dieser Hinsicht ist sie völlig „analog“ unterwegs. Und nichts interessiert sie weniger, als neue oder verbesserte digitale Mal- und Zeichenprogramme.

Mal abgesehen von den Hör- und Malgewohnheiten meiner Tochter zeigt sich daran etwas sehr Wichtiges (und Entscheidendes): Meine Tochter ist, wie fast alle von uns. In einigen Bereichen unseres Lebens erwarten wir digitale Services, die „state-of-the-art“ sind. In anderen Lebensbereichen finden digitale Services schlicht nicht statt. Welche Bereiche das sind, ist zudem völlig individuell. Auf ein zeitgemäßes Marketing übertragen bedeutet das: Digitalisierung, Digital Transfer und Digital Excellence sind essenziell wichtig. Aber es gibt kein „Entweder… Oder…“ – die analoge Welt verschwindet für die Konsumenten nicht einfach, sie bleibt wichtig. In der einen Zielgruppe mehr, in der anderen weniger.

Folglich besteht der Imperativ der Digitalisierung keinesfalls darin, alles und jedes um jeden Preis in den digitalen Transfer zu bringen und danach alles, das vorher war, zu vergessen. In meinen Augen besteht der Imperativ darin, „digital“ und analog“ zu integrieren. Es sollte eher „digitale Integration“ als „digitale Transformation“ heißen. Und diese digitale Integration ist ein erster Schritt zu einer konsequent von den Bedürfnisse der Kunden ausgehenden Strategie – der „Customer Centricity“. Nur noch digital zu sein (oder zu werden) ist in den meisten Fällen ebenso falsch, wie falsch wäre, komplett analog zu bleiben. Und mit den ersten Schritten auf den Kunden zu darauf zu warten, bis bei der eigenen Digitalisierung der letzte Prozess umgesetzt ist oder gar, bis sich in der Digitalisierung verlässliche Standards herausgebildet haben, wäre ein noch größerer Fehler. Nicht zuletzt, weil der technische Fortschritt heutige Konzept im Nu zum Frühstück verspeisen wird.

Das ist eine deutlich andere Sichtweise, als ich sie in vielen Diskussion z.B. in der Finanzdienstleistungs- und Versicherungsbranche beobachte. Oft werden Begriffe wie „FinTec“ oder „InsurTec“ hier gehandelt, als seien sie die einzige und alleinige Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Das alles ist wichtig und absolut notwendig. Aber „nur“ die notwendige Voraussetzung, um mitspielen zu können; es ist nicht hinreichend, wenn man gewinnen (oder nur nicht verlieren) will. Digitale Transformation (oder Integration) darf kein IT-Projekt werden oder bleiben – sie ist ein unternehmerisches Konzept für die Zukunft, in dem vor allem das Marketing seine Verantwortung wahrnehmen muss.

Zum guten Schluss noch eine – vielleicht etwas pathetische – persönliche Anmerkung für alle Eltern, die heute kleine Kinder haben: Wir sind vermutlich die letzte Generation in der westlichen Welt, die noch genug „analoge“ Erfahrungen aus einer Welt ohne Digitalisierung hat. Wir sollten unsere Töchter und Söhne animieren und inspirieren, den Duft von Stiften und Papier zu mögen, sich beim Fußballspielen schmutzig zu machen oder einfach nur miteinander zu spielen („das beste Spielzeug für ein Kind ein anderes Kind“). Die digitale Welt werden sie sowieso kennenlernen.